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Flüchtlingen auf Dauer Perspektive bieten


von Bündnis Entwicklung Hilft, 17. Februar 2016.

Die Mitglieder des Bündnis Entwicklung Hilft
fordern in der Bundespressekonferenz zum Thema »Fluchtursachen« Solidarität
mit Schwächeren. Ohne Hilfe vor Ort stünde Europa vor deutlich größeren
Herausforderungen.

Berlin,
17. Februar 2016 – In der Bundespressekonferenz sprachen heute die
Vertreterinnen und Vertreter des Bündnis Entwicklung Hilft. Bärbel Dieckmann,
Präsidentin der Welthungerhilfe, Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von
Brot für die Welt und Albert Recknagel, Vorstandssprecher von terre des hommes.
Sie erörterten die zahlreichen Ursachen, aus denen sich Menschen auf die Flucht
begeben. Beim Thema Fluchtursachen geht es nicht darum, warum Flüchtlinge nach
Europa kommen. Es geht darum, warum sie ihre Heimat verlassen müssen. Die
Mitglieder des Bündnis Entwicklung Hilft setzen sich explizit auch für die
Länder ein, die Geflüchtete aus den umliegenden Regionen aufnehmen. Auch hier
müssen auf Dauer Perspektiven geboten werden.


Das
Ausmaß der Fluchtbewegung nach Europa hat Europa sich selbst geschaffen

Als
einer der häufigsten Gründe für die Flucht – beispielsweise aus Syrien – nannte
Cornelia Füllkrug-Weitzel die immer weitere Eskalation kriegerischer Gewalt
dort. Es schlage die große Stunde der Waffenproduzenten und -exporteure: »Und
Deutschland fällt nichts Besseres ein, als sich daran zu beteiligen. Ohne
Überblick, Ziel und Plan.« Füllkrug-Weitzel fügte verdeutlichend hinzu:
»Befeuert Europa die Krisen mit Waffen, anstatt sich rechtzeitig für
gewaltfreie Konfliktlösung stark zu machen, ist das das Gegenteil von
Fluchtursachenbekämpfung.« Im 1. Halbjahr 2014 habe Deutschland mehr Waffen
exportiert als im Jahr zuvor. »Dass deutsche Waffen die Krisen und Konflikte
der Region befeuern – unerträglich«, sagte Füllkrug-Weitzel.

Der
andere Skandal innerhalb Europas sei, immer erst und nur dann zu reagieren,
wenn man selbst betroffen ist; dies sei das Gegenteil von weitsichtiger und
solidarischer Politik. Das Ausmaß dieser Fluchtbewegung nach Europa habe Europa
sich selbst mit diesem Prinzip geschaffen.

Cartoon von Lothar Bührmann

Politische
Lösungen für mehr Sicherheit

»Bewaffnete
Konflikte sind zunehmend Ursache für große Flüchtlingsströme, Hunger und
Armut. Die Menschen aus den betroffenen Gebieten suchen vor allem
Sicherheit, fast alle bleiben in der Nähe der Länder, aus denen sie fliehen.
Humanitäre Hilfe in akuten Notsituationen, wie wir sie gerade in Syrien
erleben, ist das eine, was wir tun müssen«, sagte Bärbel Dieckmann, »im Kern
geht es aber um politische Lösungen. Die Situation in Syrien sei hochkomplex
und verfahren, mit unerträglichen Lebensbedingungen für die Menschen dort, so
Dieckmann: „Wir müssen alles dafür tun, dass die Flüchtlinge in eine sichere
Situation kommen und versorgt werden.«

Aktuell
gebe es kaum eine Rückkehrmöglichkeit für syrische Flüchtlinge. Im Gegenteil.
Sollte Aleppo fallen, würden sich erneut Hunderttausende Menschen aus diesem
Kampfgebiet auf den Weg machen, so Dieckmann. »Wir müssen daher gerade
Nachbarländer wie den Libanon oder Jordanien viel stärker unterstützen, vor
allem auch die Türkei, die bereits 2,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat.«
Ob die drei Milliarden Euro an EU-Mitteln reichen werden, sei fraglich.

Wo
Menschen ihre Heimat verlassen müssen, gehen Kinder meist nicht mehr zur
Schule, wächst eine verlorene Generation heran. Neben der Grundversorgung seien
daher Bildungsangebote für Geflüchtete elementar, damit die jungen Menschen
später eine Perspektive für ihr Leben finden können. »Der Versuch, in Europa
eine gemeinsame Lösung für den Umgang mit den aktuellen Herausforderungen zu
finden, ist richtig«, sagte Dieckmann, »ob uns das gelingen wird, sehe ich im
Moment skeptisch.«

Cartoon von Lothar Bührmann

Ein
neues Miteinander mit Zuversicht, Mut und Augenmaß


Die
Hälfte der 60 Millionen Flüchtlinge weltweit sind Kinder. Rund 400.000 dieser
werden von terre des hommes unterstützt; die Heranwachsenden benötigen eine
altersgerechte Betreuung – auch mit psychosozialer Unterstützung. »Wir können
es weder aus politischen noch humanitären Gründen zulassen, dass ganze
Generationen von perspektivlosen Menschen entstehen«, sagte Albert Recknagel.
Er forderte mehr Investitionen, die Kindern und ihren Familien ein neues Leben
erleichtern und Perspektiven eröffnen. Dabei sollten auch Lösungsansätze in den
Regionen selbst entwickelt werden: »Es kann nicht alles von Europa aus
gesteuert werden.« 


Doch
auch hier in Deutschland sei es unsere Aufgabe, Solidarität zu organisieren und
sich auf ein neues Miteinander einzustellen – nicht blauäugig, aber mit
Zuversicht, Mut und Augenmaß. Es gehe in Deutschland wie in Europa nicht um das
effektive Management einer momentanen »Flüchtlingskrise«, sondern wir müssten
anerkennen, dass sich die Folgen von Krieg, Gewalt, Hoffnungs- und
Perspektivlosigkeit nicht länger auf die regionalen Krisenherde und Brennpunkte
beschränken und von unseren Grenzen fernhalten lassen. »Wir stehen vor der
Langzeitaufgabe, diese Menschen bei uns in Deutschland in unsere Gesellschaft
aufzunehmen«, sagte Recknagel.

Statement Albert Recknagel, Vorstandssprecher terre
des hommes