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Fischer aus Gaza von ägyptischen Kräften gefoltert

von Hamza Abu Eltarabesh, Tlaxcala, 02. Februar 2021. Deutsche Übersetzung von Milena Rampoldi, ProMosaik. In Hala Al-Zazous Leben gab es zwei Männer namens Hassan. Der erste Hassan war ihr Vater. Er starb im August 2020 an einem Herzinfarkt. Der zweite Hassan war ihr Cousin und Verlobter. Während des Folgemonats griff die ägyptische Marine das Fischerboot an, in dem er segelte und erschoss ihn. „Nach dem Tod meines Vaters beschlossen Hassan und ich, unsere Hochzeit aus Respekt um ein Jahr zu verschieben“, meinte sie. „Nun wurde die Hochzeit vollkommen abgesagt.“

Die in Deir Al-Balah, Gaza, ausgestellten Plakate zeigen Yasser, Mahmoud und Hassan Al-Zazou, drei von Ägypten angegriffene Brüder.  Foto Ashraf Amra/APA

„Mein Verlobter hat hart gearbeitet, damit wir nach unserer Heirat ein kleines Haus zum Leben haben können“, erzählte Hala. „Ist das ein Verbrechen?“

Hassan Al-Zazou befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs in der Nähe der Seegrenze zwischen Gaza und Ägypten. Sein Bruder Mahmoud wurde ebenfalls getötet.

Der andere Bruder, Yasser, wurde verwundet und von den ägyptischen Truppen festgenommen. Yasser wurde erst am 17. Januar aus der Haft entlassen.

Im Gespräch mit The Electronic Intifada erzählte Yasser, wie er während seiner Haft gefoltert wurde.

Während seines Verhörs wurde er angewiesen, sich nackt auszuziehen, und er wurde Elektroschlägen ausgesetzt. Die Männer, die ihn verhörten, bedrohten ihm mit Hunden und beschimpften ihn.

Zwei Wochen lang war Yasser in einer so kleinen Zelle eingesperrt, dass er darin, wie er berichtete, weder aufstehen noch sich hinlegen konnte. „Ich konnte nur sitzen,“ fügte er hinzu.

Während seiner Zeit im Zentralgefängnis von Arish waren das Essen schlecht und die Bedingungen unhygienisch. Es wurden keine Maßnahmen zum Schutz der Gefangenen gegen COVID-19 ergriffen.

„Ich habe nachts geweint, weil es so kalt war“, fügte er hinzu. „Wir hatten nichts, um uns zu wärmen.“

Die finanzielle Belastung

Obwohl Gaza eine lange Fischertradition hat, waren die Brüder Al-Zazou relativ neu im Geschäft.

Vorher betrieb die Familie eine Geflügelfarm.

Die Farm wurde während des großflächigen israelischen Angriffs gegen Gaza im Sommer 2014 zerstört. Die Familie erlitt einen Verlust von ungefähr 25.000 US-Dollar.

Nach diesem Angriff arbeiteten die Brüder eine Weile im Baugewerbe, bevor sie 2018 mit dem Fischen begannen. Dies bedeutete, dass sie ein Boot finden mussten. Und dies bedeutete eine erneute finanzielle Belastung für die Familie.

Das Boot, in dem die Brüder segelten, war erst drei Wochen vor dem Angriff im vergangenen September angeschafft worden. Die Brüder sammelten Geld für das Boot, indem sie Schmuck verkauften, der einer ihrer Schwestern gehörte.

Das Boot kostete ungefähr 7.000 Dollar, aber die Brüder schafften es nicht, den vollen Betrag zu bezahlen. Nach dem Kauf hatten sie Schulden in Höhe von rund 2.000 US-Dollar.

„Meine Kinder versuchten, Geld zu verdienen, um die Schulden von der Farm und den Kauf des Bootes zu begleichen und sich auf ihre Zukunft vorzubereiten“, meinte ihre Mutter Nawal.

„Ihr Vater ist krank und sie wollten ihm helfen. Was ihnen passiert ist, haben sie nicht verdient“, fügte sie hinzu.

Die Rettung

Die Brüder standen Ägypten und seinem Volk in keiner Weise feindlich gegenüber. Im Gegenteil: Yasser war einer der Palästinenser, die sieben ägyptische  Fischer retteten, die 2019 in der Nähe des Hafens von Deir Al-Balah im mittleren Gazastreifen in Seenot geraten waren.

Während Yasser noch inhaftiert war, fragte seine Mutter: „Sollte das [die Rettungsaktion] nicht ausreichen, um Yasser zu befreien?“

„Mein Sohn war nach der Rettung der ägyptischen Fischer fast eine Woche lang krank und erschöpft“, fügte sie hinzu. „Seine Inhaftierung ist ungerecht.“

Neben den Brüdern Al-Zazou wurden seit 2015 fünf weitere Fischer aus Gaza von ägyptischen Streitkräften getötet.

Seit 2000 tötete Israel neun palästinensische Fischer.

In den letzten zwei Jahrzehnten war es den Fischern aus dem Gazastreifen im Allgemeinen nur erlaubt, innerhalb von sechs bis neun Seemeilen von der Küste zu fischen. Dennoch erfolgten viele Angriffe auf Fischer innerhalb der erlaubten Zone.

Vor zehn Jahren gab es ein leise Hoffnung, Ägypten würde endlich damit anfangen, die Palästinenser in Gaza mit einem gewissen Maß an Menschlichkeit zu behandeln. Ein Volksaufstand auf dem Tahrir-Platz in Kairo führte zum Sturz des Diktators Hosni Mubarak.

Ein Jahrzehnt ist vergangen, und Ägypten wird erneut von einem Diktator, Abdelfattah Al-Sissi, regiert. In Zusammenarbeit mit den israelischen Behörden verhängt er weiterhin eine Land- und Seeblockade gegen Gaza.

Alle Bewohner von Gaza haben die Auswirkungen dieser Blockade gespürt. Für die Familie Al-Zazou waren sie besonders grausam.