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Bleibt zu Hause! oder wenn Gehorsam Leben rettet

Jürgmeier / 13. Okt 2020 – Erste Veröffentlichung auf InfosperberFeiert der autoritäre Charakter Auferstehung? Für eine gute Sache. Wenn wir gegen den Strom schwimmen – sind wir dann gerettet?


Livecams schwenken über sonnenbeschienene Hänge und Couloirs oberhalb von Zermatt. Die jetzt ganz den Gämsen und Schneehühnern gehören. Die Kabinen des Matterhorn Express’ sind garagiert. Über den Gletscherspalten und Felsschründen zwischen dem Trockenen Steg und dem Kleinen Matterhorn schweben keine Gondeln mehr. Nirgends ein Pistenfahrzeug. Nicht eine Skifahrerin tritt in die Bindung. Keine Spuren im Neuschnee. Ich verspüre die kühne Lust, in den nächsten Zug zu steigen – S-Bahnen und Intercityzüge sind jetzt fast leer –, um unter dem tiefblauen Walliser Himmel zu tun, was allen verboten. Kurven durchs kalte Pulver ziehen. Schatten auf glitzerndes Weiss werfen. Aber ich bleibe ängstlichvorsichtigrationalgelassengehorsam. «Stay the fuck at home!» Dröhnt das Echo behördlicher Empfehlungen aus den sozialen Medien. In der Fällander Migros-Filiale sind die Aufzüge zur Tiefgarage gesperrt. Automobilist*innen kommen nur noch zu Fuss zu ihren Blechkarossen. Eine der Lifttüren steht offen. Ein Mann kriecht unter rotweissen Plastikbändern durch. Hält diese ritterlich hoch. Damit die Frau mit dem Kinderwagen aufrecht zum Fahrstuhl rollen kann. Ich rufe dem Rebellen von der Desinfektionsstation aus zu «Der Lift fährt nicht». Er ignoriert mich. Drückt den Knopf. Die Türen schliessen sich. Und die beiden verschwinden im Untergrund.

Das Erschrecken über die plötzliche Rückkehr des braven Kindes. Das ich einmal, das ich vor vielen Jahren war. Das auch zum Denunzianten werden konnte. Werde ich, jetzt, zum Blockwart? Aus Angst, schuld zu sein, wenn Menschen sterben? Wenn ich mich nicht einreihte ins kollektive Abwehrdispositiv? Jetzt, da die Welt so leicht zu retten ist. Mit HändewaschenAbstandMasken. Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn Gehorsam Leben schützt? Wenn sich die Reihen schliessen und der Ruf nach Führung in unsicheren Zeiten lauter wird? Gewöhnen wir uns (wieder) daran, Marschbefehle zu befolgen? Wohin der Marsch auch geht. Feiert der autoritäre Charakter Auferstehung? Im Namen einer guten Sache. Die beklemmende Erinnerung an das Gedicht «immer schön in der reihe gehen». Das ich in jungen Jahren – aus Protest klein – geschrieben. Das im September 1970 in der Jugendzeitschrift team erstmals veröffentlicht worden ist. Kurz bevor ich neunzehn wurde.

immer schön in der reihe gehen

seit ich ihn kenne, achtet er darauf:
immer schön in der reihe gehen.

im kindergarten:
immer schön in der reihe gehen.

bei den pfadfindern:
immer schön in der reihe gehen.

im militär:
immer schön in der reihe gehen.

bei der abstimmung:
immer schön in der reihe gehen.

immer und überall hat er sich danach gerichtet:
immer schön in der reihe gehen.

doch weil er nie nach dem wohin,
nie nach dem ziel der reihe gefragt hat,
sondern: immer schön in der reihe gehen;
steht er heute vor einem abgrund.

nur immer schön in der reihe gehen.

Wenn wir gegen den Strom schwimmen – sind wir dann immer gerettet und schwimmen ins Glück? In welche Richtung auch immer? Oder marschieren wir plötzlich, Seit’ an Seit’, mit ganz Q1ueren Fröntler*innen? Und würden uns manchmal besser gelassen mit dem grossen Strom ins Reich der Freiheit treiben lassen? Falls Sie, mit dem Segen von Corona, wieder Auto fahren und Ihnen von Zürich nach Basel alle auf Ihrer Spur entgegenkommen – denken Sie dann «Diese Trottel glauben, wir hätten in der Schweiz neuerdings Linksverkehr»? Wenn in einer Gruppe alle ausser Ihnen bei Zwei plus Zwei auf Sieben bestehen – zweifeln Sie dann an Ihren mathematischen Kenntnissen? Und wem glauben Sie, dass der Schnee von unten nach oben fällt?

Der nicht nur bei Politiker*innen beliebte Spruch «Ich vertraue nur der Statistik, die ich selber gefälscht habe» meint im Klartext: Ich glaube nur, was ich immer schon wusste oder geglaubt habe. Unabhängig von irgendwelchen (neuen) Fakten oder Erkenntnissen. Das ist auch eine Absage an Lernprozesse, denn Lernen bedeutet, sich vorstellen können, dass es auch ganz anders sein könnte. Verlassen Sie sich, generell, aufs Gewohnte? Oder stürzen Sie sich begeistert aufs Neue, ins Ungewisse? Was braucht es, damit Sie zu zweifeln, zu denken beginnen, es könnte auch anders sein, als Sie gedacht? Wann folgen Sie, neugierig, fremden Gedankengängen? Vertrauen Sie eher einem breiten wissenschaftlichen oder politischen Konsens? Oder werden Sie bei grosser Einigkeit der vielen misstrauisch? Haben Sie’s mit Minderheiten? Mit allen? Mit welcher? Mit den Wenigen, die Macht haben? Den Grüppchen, die dagegen anrennen? Und worauf hören Sie eher – auf lautes Gebrüll oder zweifelndes Gemurmel? Wenn Sie nur auf das vertrauen, was Sie selber wissen – was ist dann mit dem Rest der Welt? Alles Fake?

«QAnon (/kjuːəˈnɒn/) oder kurz Q ist das Pseudonym einer mutmasslich US-amerikanischen Person oder Personengruppe, die auf Imageboards, auf die Diskussion von Bildern ausgerichteten Internetforen, Verschwörungstheorien mit teilweise rechtsextremem Hintergrund verbreitet. Sie gibt dabei vor, Zugang zu geheimen Informationen über US-Präsident Donald J. Trump, seine Präsidentschaft, seinen Kampf gegen einen vorgeblichen ‹Deep State› sowie seine Widersacher zu haben. QAnon ist mittlerweile auch zu einer Bezeichnung für die verbreitetsten verschwörungstheoretischen Ansichten selbst geworden.

Q behauptet ohne Belege unter anderem, zahlreiche Hollywoodschauspieler, Politiker und hochrangige Beamte seien an einem internationalen Kinderhändlerring beteiligt, der Kinder entführe, zur Prostitution zwinge und sexuell ausbeute. Die Anschuldigungen, die hauptsächlich von Trump-Unterstützern unter Namen wie ‹The Storm› (Der Sturm) oder ‹The Great Awakening› (Die große Erweckung) weiterverbreitet werden, werden weithin als ‹unfundiert›, ‹wirr› und ‹unbelegt› eingeschätzt…»

Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/QAnon