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Uwe Kullnick über Zoologie und interkulturelle Kommunikation

Von Milena Rampoldi, ProMosaik, 15. April 2021. Anbei mein Interview mit dem Zoologen und Autor Uwe Kullnick, der u.a. das Literaturradio Hörbahn betreibt. Vor kurzem haben wir in Zusammenarbeit mit ihm ein Tiergeschichtenbuch mit wahren Tieren herausgegeben. Dieses wurde auch von ProMosaik ins Italienische übersetzt. Das Zeichen, das wir damit im Coronazeitalter des Lockdowns setzen wollten, ist die Bedeutung der wahren Erfahrungen mit Tieren aus aller Welt für die Kinder zwecks Erweiterung ihres Horizonts. Bücher wie diese zeigen, wie Zoologie und Geografie den Dialog unter den Kulturen unterstützen können.

Warum sind das Entdecken und Hinterfragen der Umwelt so wichtig für Kinder?
Über Jahrmillionen entwickelten sich unsere Vorfahren in einer technologielosen, schwierigen und gefährlichen Umwelt. Das individuelle Ziel war Überleben mit all seinen wichtigsten Ausprägungen wie Ernährung und Fortpflanzung. Heute beim modernen Menschen sind viele Bedürfnisse wie Autofahren, modernes Wohnen, Reisen u.v.a. hinzugekommen. Der Abstand zur Natur ist immer größer geworden. Genauso geändert hat sich die Anzahl der Menschen, die auf diesem Planeten Platz finden müssen. Technik bestimmt unser Leben ebenso wie umweltfernes Dasein. Wälder, Berge, Wüsten, Flüsse, Steppen, Pflanzen und Tiere in ihrem nicht zivilisierten Zustand sind uns fremd geworden. Es geht darum, die Selbstverständlichkeit dessen zu vermitteln, woher wir kommen und wozu wir gehören. Durch Wissen und Wissensvermittlung darüber kann sich automatisch ein Zuwachs an Verantwortlichkeit für die Lebensbedingungen der Tiere, für die man sich interessiert und die aufgrund von Erfahrungen zur eigenen Lebensverwandtschaft gehören, ergeben. Hierdurch wird es selbstverständlich, sich um den Lebensraum anderer, also auch den von Tieren und Pflanzen und den in fernen Gegenden lebenden Menschen zu kümmern.       

Weg von den Teddybären zu den wahren Tieren: wie wichtig ist die Erkundung der realen Welt für die kleinen Zoologen?

Für mich als Zoologen und Naturwissenschaftler ist die Beschäftigung mit der realen (Tier-)Welt sehr wichtig. Geschichten über gezeichnete Tiere sind für unsere Kleinen als Verständnishilfen für vieles wichtig: z.B. für das Lernen, sich in unsere Welt hineinzufinden, und gleichzeitig auch ein Verständnis für Ideen von Tieren zu erwerben. Es kann und will aber die wirklichen Tiere nicht ersetzen. Sobald wie möglich sollte man Kinder mit realen Tieren, ihren Beschreibungen, Fotos oder wo möglich in tatsächlicher Art bekannt machen. Ob es der Hund oder die Katze, das Meerschweinchen oder das Zwergkaninchen, der Kanarienvogel oder der Wellensittich ist, wichtig ist, dass Kinder sie als Nicht-Menschen, aber als ebenso reale, ja schützenswerte Lebewesen wahrnehmen und kennenlernen. Das Kindchenschema ist stark in uns allen, aber wir müssen es von seiner absoluten Position verdrängen. Es verstellt den Blick auf Lebewesen, die diesem Schema (großer Kopf, große, runde Augen, Fell und Patschpfoten …) nicht entsprechen. Diese Blickerweiterung brächte auch Spinnen, Schlangen, Käfern, Waranen, Kraken, Büffeln, Stachelschweinen oder Flughunden Zuneigung und Fürsorge von uns Menschen. Ein Blick in das „Gesicht“ einer Spinne mit ihren 8 Augen kann einen offenen Menschen genauso begeistern wie die bewimperten Augen einer jungen Giraffe. Man muss es nur zulassen können.

Kinder sollen verstehen, dass Tiere in Vielem ebenso sind wie wir Menschen, sich bewegen, riechen, Laute von sich geben, Essen und Trinken benötigen, Pipi und Poo machen, singen, bellen miauen oder auch einfach still sind, dass sie klettern, graben, hüpfen, rennen, fliegen, vor Lebenslust strotzen, erkranken und sterben. All das können Stofftiere nicht. Es ist wichtig, dass Kinder Empathie mit lebenden Tieren entwickeln.  Mit einem Stoffhasen kann das nicht wirklich gelingen. Es ist diese besondere Eigenschaft, die jedem Lebewesen innewohnt, die es als freud- und leidensfähig ausweist, auch wenn die scheinbare Grausamkeit des Erbeutens oder handlungslos Zusehens während Herdenmitglieder gefressen werden aus Menschensicht ablehnenswert erscheinen. Hat ein Kind verstanden, dass ein Tier in fast allen Eigenschaften wie ein Mensch ist, nur anders eben, kann es die Welt durch Millionen Augen verschiedener Wesen wahrnehmen. Es wird damit Teil einer Gemeinschaft, die wirklich global und ubiquitär ist. 
        

Welche Hauptziele hast du mit diesem Buch verfolgt?

Ich möchte etwas, das wohl jeder Schriftsteller erreichen will. Meine Texte sollen beeindrucken. Beeindrucken in dem Sinn, dass sie etwas im Kopf und vielleicht auch dem „Herzen“ bewirken. Ich versuche zu vermitteln, was ich in den geschilderten Geschichten selbst empfunden habe oder zumindest beim Niederschreiben fühle. Es ist ein Ziel, dem ich manchmal bei Lesungen und den nachfolgenden Gesprächen nahekomme. Wenn ich dabei, insbesondere bei den Geschichten, in denen Tiere eine wichtige Rolle spielen, etwas Gefühl, Freude und Wissen vermitteln kann, dann ist sogar für Menschen, die mich hören oder lesen, ein Mehrwert erreicht, der womöglich ein Leben lang anhält und für Tiere eine Lobby schafft.


Welches sind einige der Mythen, die du durch dieses Buch entkräftest?

Eigentlich keine. Es geht mir nicht um irgendein „gegen“, es geht mir darum, Erlebnisse anzubieten, die gleichzeitig Informationen und Emotionen transportieren. Die Leser sollen staunen, lachen, sich gruseln, sich freuen und den Erzähler ein wenig beneiden können. Vielleicht bringen sie meine Geschichten dazu, sich mit diesen oder auch ganz anderen Tieren zu beschäftigen. Sich in reale Situationen hineinzudenken, Vorstellungen entstehen zu lassen, die sich an den Bildern und Geschehnissen des Buches entzünden. Vielleicht bringt es sie aber auch dazu, Dinge anders, besser zu machen und zu denken als ich sie vorstelle. Das Wichtigste ist jedoch, dass sie mein Gefühl für Tiere wahrnehmen und es ihnen vorkommt, als wären sie gern Teil dessen, was ich schildere. Sie sollen Tiere in ihrer Kreatürlichkeit wahrnehmen und gleichzeitig von Menschen hören, die einen Teil ihres Lebens in die Erforschung von Tieren investieren. Weitab von allen runden Knopfaugen aus Glas, Plastik oder Künstlichkeit.  


Wie geht es weiter? Welche sind die neuen Bücher, die du planst?

Ich habe noch eine große Liste mit ca. 100 Geschichten, die ich selbst oder Freunde von mir erlebten. Nicht alle sind für Kinder geeignet, aber die meisten handeln von Tieren in allen Teilen dieser Welt und den Menschen, die an ihnen forschten oder sie entdeckten.

Der zweite Teil des Buches Leopard, Stachelschwein & Co ist grob fertig und kann, mit etwas Glück, in diesem Jahr fertig werden. Darüber hinaus gibt es ein Projekt unter dem Arbeitstitel „Algorithmen des Lebens“, zwei oder drei Bücher mit Erlebnissen, Shortstories und Erzählungen. 

Wie wichtig ist ein interdisziplinärer Ansatz in der Schule, z.B. Geographie, Deutsch und Zoologie, damit Kinder offen werden für die Welt?

Interdisziplinarität ist ein wichtiger Ansatz für Ausbildung und Erziehung an Schulen. Erziehung ist in unserer Zeit ein eher unbeliebter Ausdruck, scheint er doch Menschen in ein Schema pressen zu wollen. Die eigentliche Bedeutung sollte aber eher sein, junge Menschen für ein Leben in dieser Welt rundum zu ertüchtigen, den Grundstein für die freie Wahl zu legen, seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten entsprechend so viel zu erfahren, um eine bewusste Wahl überhaupt treffen zu können. Wenn ich nichts von der Welt weiß oder bestimmte Wissensgebiete vernachlässigt werden, und ich nicht auf Zusammenhänge hingewiesen werde, dann ist nichts schlimmer als frühes Detailwissen. Sicher, Experte zu sein ist gut, aber in einer komplexen, variablen Gesellschaft/Umwelt überleben werden letztendlich eher die Generalisten. Außerdem ist die Welt, und ist insbesondere die Tierwelt so faszinierend, dass die Beschäftigung mit ihr weit mehr als 1000 Leben füllt.

Die Bücher finden Sie hier:

Deutsche Fassung

Italienische Fassung