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Eine Frau übernimmt Verantwortung

von Jürgmeier / 14. Dez 2020, erste Veröffentlichung auf Infosperber, Eine Mutter will endlich etwas tun. Damit ihre Kinder eine Zukunft haben. Und endet auf der Strasse. Auch in Zeiten von Corona.

24. Mai 2020



Die für diesen Tag angekündigte Klimademo in Bern wird coroniert. Wie so vieles in diesen Wochen. Der Klimawandel – der sich eher früher als später zur Katastrophe entwickeln könnte – natürlich nicht. Auch wenn es manchmal so scheint. Ich stelle mir vor, ich würde, aus Sentimentalität oder Gwunder, trotzdem in die Hauptstadt fahren. Zum Bundesplatz flanieren und mich dann beim Zytgloggeturm – wo ein paar Aktivist*innen mit MaskenPlakatenMusik Alarm schlagen – neben die Frau setzen, von der ich schon früher hätte erzählen, die ich schon vor vielen Jahren auf Strassen oder Plätzen hätte gegen Zerstörung und Gewalt aller Art protestieren lassen wollen. «Eigentlich kennen wir uns ja schon lange.» Würde ich sie ansprechen. Zum ersten Mal. Die Frau, die ich in den letzten Jahrzehnten, so male ich mir das aus, regelmässig getroffen. Ab und zu hätten wir uns zugelächelt, nur für Sekundenbruchteile und meist aus der Ferne, aber mit der Vertrautheit, wie es Fremde tun, wenn sie sich über eine Situation oder die Aussage eines Dritten mit den Augen verständigen, als wären sie alte Bekannte. Ich habe gesehen, wie sich Hoffnungen und Enttäuschungen in ihr Gesicht gruben, ihre Haare grauer und kürzer, ihre Röcke länger und bunter wurden. Ich bin mit ihr alt geworden. Aber eigentlich weiss ich nichts von ihr. Kenne nur diesen einen Satz, der auf dem Karton stand und steht, den sie immer mit sich trug oder neben sich an den Planenrucksack lehnt. Immer wieder zeichnet sie einzelne Wörter oder Buchstaben gegen RegenWindSonne nach. «Damit die Welt für alle Kinder und deren Kinder eine Heimat wird.» Stand und steht da. «Deine Kinder sind sicher stolz auf dich.» Sage ich – und erschrecke, als ich die Tränen in ihren Augen sehe. «Meine Kinder», flüstert sie, «kennen mich nicht mehr.»

Die Frau hatte offensichtlich gehabt, was man so leichthin ein glückliches Leben nennt. Eine Anstellung als Archäologin, die sie alles andere vergessen liess. Verheiratet mit einem Politologen, der ihr an einem Konzert von Rumpelstilz eine Zigarette angeboten und den ihre feministischen Freundinnen am liebsten angeflirtet hätten. Sie träumte nicht von Kindern, die talentierter waren als ihre eigenen. Und wenn sie am Abend die Nachrichten aus dem Rest der Welt sah, habe sie sich verpflichtet gefühlt, «zufrieden oder sogar glücklich zu sein». Aber nach irgendeinem 10 vor 10 hielt es sie nicht mehr auf der schwarzen Liege. «Da kann man doch nicht! Da muss man doch!» Habe sie gerufen. Dem Mann, der als einziger in ihrer Nähe war, zugerufen. Und sich dann mit allen Opfern dieser Welt solidarisiert. Mit Kindern, die auf Landminen getreten waren, verprügelten Frauen, Menschen mit irgendwelchen Behinderungen, Geflüchteten aus aller Welt und Ratten, an denen Medikamente getestet wurden. Der ausserordentliche Professor, der auch ein Billardspieler war, marschierte mit. Gegen AtomkraftwerkeWaffenhandelGentechnologie. Als teilnehmender Beobachter ausserparlamentarischer Bewegungen. Als sie begann, in den Nächten ProtesteWarnungenErmutigungen auf Postkarten zu schreiben – die sie beim Spaziergang mit ihrem ungarischen Strassenhund an Wald- und Wiesenrändern gut sichtbar auf Baumstämmen und Aussichtsbänken liegen liess –, nahm auch er jeden Morgen ein paar mit, legte sie diskret im Zug, in öffentlichen Toiletten und im Lichthof der Universität auf. Sie hatten sich in jungen Jahren abwechslungsweise den Roman «Jeder stirbt für sich allein» von Hans Fallada vorgelesen und sich das lebenslange Woduhingehstdawillauchichhingehen versprochen. Wie das Ehepaar Hampel es tat. Dessen Prozessakten Fallada zu einem literarischen «Grossereignis»1 inspirierten. Otto und Elise Hampel hatten von 1940 bis 1942, nachdem ihr Sohn im ersten Kriegsjahr gefallen, handgeschriebene Postkarten und Briefe als «Zeichen des Widerstands»1 gegen den Nationalsozialismus in Treppenhäusern verteilt. «Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet!»2 Stand auf einer dieser Karten. Was Fallada nicht wusste – dass sich die Hampels, nachdem sie zum Tode verurteilt worden waren, gegenseitig zu denunzieren begannen. Um ihr eigenes Leben zu retten. Aber beide wurden 1943 im Gefängnis Plötzensee hingerichtet.2

Die Frau – die ich nie nach dem Namen fragte – verlor sich im Damussmandochetwastun und hatte bald keine Zeit mehr, um, bezahlt, in alten Kulturen zu graben. Als sie dem Mann – den sie immer noch zu begeistern vermochte – bei einem ersten Kaffee mitteilte, sie habe ihre Stelle gekündigt, versteifte sich dessen Nacken unter der alleinigen wirtschaftlichen Verantwortung für ihre Familie. Er bat seine Vorgesetzte noch am gleichen Tag, erfolgreich, um Erhöhung seiner Anstellung auf 100 Prozent und liess künftig die Karten auf dem Tisch liegen, wenn er aus dem Haus ging. Sie aber machte das Aufrütteln zum Beruf. Setzte sich täglich – manchmal, bevor die ersten Geschäfte und Cafés öffneten – auf den grössten Platz der Stadt. Direkt vor dem Einkaufszentrum und neben einer Bank, ein paar Meter vom Stadthaus entfernt. Mit ihrem Kartonschild und den neuen Karten, die ihr einzelne Vorbeieilende abnahmen und manchmal, wenn gelesen, zurückgaben. Anfänglich kochte sie noch das Abendessen, machte bis spät in die Nacht hinein die nötigsten Hausarbeiten, bevor sie mit dem Schreiben ihrer Aufrufe begann. Als sie sich auch noch in verschiedensten Komitees und Arbeitsgruppen einschrieb, wurde ihre Nacht immer kürzer, und häufig schlief sie in der Küche ein, bevor sie das Geschirr gespült hatte. Der besorgte MannPolitologeVater gab den Kindern den Auftrag, ihr über Mittag das Essen an ihren Stammplatz zu bringen. Aber als die Nachbar*innen zu tuscheln, ihre SchulBallettFussballkolleg*innen zu spotten begannen, ob das ihre Mutter sei, die auf der Strasse bettle; als schliesslich Zeitungen und Radio über sie berichteten, sie mit dem «Engel vom Hauptbahnhof Zürich»3 verglichen – der «Schwester Frieda», die in den Neunzigerjahren, an ihren Rollstuhl gelehnt, die pressierten Reisenden an Werk- und Feiertagen segnete –, da begannen die Kinder, sich für ihre Mutter zu schämen und steckten ihr die Sandwichs in den Rucksack, bevor sie ins Bett gingen. Der Mann – der dank flexibler Arbeitszeiten und Homeoffice, als noch kaum jemand das Wort kannte, längst den grössten Teil des Haushalts erledigte, den Kindern bei den Hausaufgaben half und sie tröstete, wenn ihr Lieblingsteam verloren, eine der Schildkröten sich unter dem Drahtgeflecht ins Freie gegraben oder sie Liebeskummer hatten –, der Mann verlangte schliesslich von ihr, sie solle endlich erwachsen werden, müsse Verantwortung übernehmen. «Du kümmerst dich um die ganze Welt, aber unsere Kinder lässt du im Stich, und mich siehst du gar nicht mehr.» Warf er ihr vor. Irgendwann stand sie in einem Gerichtssaal und hörte den Richter sagen: «Glauben Sie ernsthaft, es gäbe Frieden, nur weil Sie jeden Tag auf die Strasse gehen, während Ihre Kinder zu Hause weinen.» Dann entzog er ihr wegen Vernachlässigung das Sorgerecht und übertrug es vollumfänglich dem Politologen.

«Wahrscheinlich hatten die beiden recht.» Lasse ich sie murmeln. «Es hat alles nichts geholfen, ich hätte besser mit den Kindern Bäche gestaut, Sandburgen gebaut und ein paar Bienenvölker betreut.» Aber jetzt sei es zu spät, deshalb mache sie einfach weiter. «Du hast etwas getan, was die wenigsten Eltern für ihre Kinder tun.» Würde ich sie zu trösten versuchen. «Lange habe ich gehofft», würde sie fortfahren, «irgendwann zusammen mit meinen Kindern auf die Strasse zu gehen. Aber sie sind nie mitgekommen. Nie habe ich sie zufällig bei all den jungen Leuten getroffen. Sie haben nur gesagt: ‹Du bist nicht mehr unsere Mutter!›» Irgendwann, wenn sie selber Kinder hätten und sich um deren Zukunft zu sorgen begännen, machte ich einen letzten Versuch, würden sie das bestimmt anders sehen, ganz anders. Ich nähme sie etwas unbeholfen in die Arme, in die sie sich für ein paar Sekunden fallen liesse, sich dann wieder hinter ihrem Kartonschild aufrichten würde. Mir würde plötzlich in den Sinn kommen, dass ich dem Enkel versprochen, ihm zu erzählen, wie es Franz Hohlers Tschipo bei Urch und Zwurch in der Steinzeit weiter ergangen ist. Ich würde aufspringen, ihr «viel Erfolg» wünschen und losrennen, um den nächsten Intercity nach Zürich zu erreichen. Weil ich keine enttäuschten Kinder sehen kann. Nicht einmal per Skype.

1 New York Times, Klappentext der 2011 im Aufbau Verlag erschienenen 11. Auflage des Romans

2 Programmheft zu Theaterfassung von «Jeder stirbt für sich allein», Thalia Theater Hamburg, 2012

3 Limmattaler Zeitung, 21.6.2018