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Subjektivierung im Überwachungskapitalismus

Heinrich Thüer 6. September 2020

Es heisst, dass die Covid-19-Pandemie die Krisen der Gegenwart wie unter einem Brennglas sichtbar werden lässt.Wie sieht es da beispielsweise mit der Krise des handelnden Subjekts in diesen Zeiten aus? Auf der Suche nach Antworten beleuchtet und hinterfragt der Politikjournalist Heinrich Thüer das viel diskutierte Konzept des Überwachungskapitalismus. Ein Essay.

In der Reaktion auf die Gefahr von Seuchen hat sich einst die Herrschaft des neuzeitlichen Staates durch Disziplinierung und Überwachung herausgebildet. So hat, wie es Michel Foucault in Überwachen und Strafen ausdrückte, “die Pest das Modell der Disziplinierungen herbeigerufen”. Foucault unterlegt seine Beschreibung der Geschichte der Disziplinarmacht mit dem Begriff des Panoptismus. In Foucaults Sicht auf die Disziplinargesellschaft des 17.-19. Jahrhunderts nehmen die regierten Subjekte die Rolle ein, dass sie eingeschlossen sind in das „Räderwerk der panoptischen Maschine, das wir selbst in Gang halten – jeder ein Rädchen“.

Neoliberale Regierungstechniken: Körperhygiene und Social DistancingWollte man diese Beschreibung auf die Gegenwart übertragen, müsste man von einer Art künftiger Seuchendiktatur mittels Informatisierung der sozialen Kontrolle sprechen, welche die Bevölkerung unter dem Signum des „Überlebens“ als reine und zu verwertende „Biomasse“ regiert. Nun hat Michel Foucault zwar den Begriff „Biopolitik“ geprägt, aber er hat ihn auch bald wieder fallen lassen.

Die Subjektivität, mit der sich Foucault in seinem Spätwerk beschäftigt, findet seiner Beschreibung nach mit der technologischen Neuordnung nicht mehr unter der Bedingung der kollektiven Unterwerfung der Körper statt, sondern als Subjektwerdung in einem Netz von Relationen. Demnach liesse sich die staatliche Aufforderung des Social Distancing oder der Körperhygiene nicht als autoritäre, sondern als neoliberale Regierungstechnik einordnen, die grundsätzlich auf der Freiheit der Individuen beruhen und von dieser Freiheit auszugehen haben. Für sich selbst sorgen, sich selbst schützen – auf diese Selbstorganisation ist die Macht angewiesen.
Ähnliches gilt für die Bedeutung von Daten in der Krise. Sie sind zwar die Macht – und eine kritische Auseinandersetzung arbeitet mit Begriffen wie Überwachung und Kontrolle. Doch sind die grossen Machtkonstellationen heute netzwerkförmig und dezentral. Es handelt sich meist um das kybernetische Prinzip der wechselseitigen Regulation. Wir erleben eine völlig neue Entwicklungsstufe des Zusammenhangs von Macht und Subjektivität.
Neubewertung der RegierungskunstHeute gilt die Theorie des Überwachungskapitalismus der US-amerikanischen Soziologin Shoshana Zuboff allgemeinhin als einer der prominentesten und umfassendsten Versuche, die durch Informationstechnologien ermöglichte soziale und politische Überwachung zu ökonomischen Zwecken zu beschreiben. Zuboff schreibt, der „Überwachungskapitalismus“ habe mit seinem Fokus auf kommerzielle Überwachung inzwischen alle seine Vorgänger übertroffen und gefährde den Kanon der liberalen Ordnung.
Da empfiehlt es sich zunächst, auf die Anfänge der technologischen Neuordnung in den späten 1970er Jahren zurückzublicken. Bei Mikroelektronik und Computertechnologie fand in diesen Jahren die historische Wende statt. Die moderne Technologie war bis dahin lediglich dem Staat und grossen Unternehmen verfügbar, jetzt wurde sie zunehmend alltagstauglich. Von Apple über Microsoft bis IBM fielen die Gründerjahre in diese Zeit. Zur gleichen Zeit erzielten die neoliberalen Theorien ihre ersten Erfolge mit ihrer Trias von Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung.
An diesem Punkt ist Michel Foucaults Überlegung relevant, dass sich mit der technologischen Neuordnung eine grundlegende Neubewertung der Regierungskunst aufdrängt. Er sagt Ende der 1970er Jahre: „Mir scheint in der Tat, dass sich hinter der gegenwärtigen ökonomischen Krise eine Krise der Regierung abzeichnet; die Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels derer man Menschen lenkt, scheint mir heute in die Krise geraten zu sein.“
Subjektwerdung vs. InstrumentarismusFür Foucaults Beschreibung der Gouvernementalität im Neoliberalismus ist der Begriff der „toleranten Sicherheitsgesellschaft“ zentral. Mit „Regierung“ meint er nicht die Staatsregierung, sondern die Gesamtheit von Praktiken, die politische Rationalitäten anhand von Technologien gleichermassen durchsetzt. Sein Projekt „Geschichte der Gouvernementalität“ untersucht die Entstehung politischen Wissens zum Zweck der Menschenführung – ausgehend von antiken und religiösen Führungskonzepten über die früh-neuzeitliche Staatsräson und den modernen Liberalismus bis zum Neoliberalismus.
Die hierarchische Steuerungskonzeption der Moderne, so die Erzählung Foucaults, habe eine immer grössere Freiheit an Möglichkeiten produziert; zugleich blockiere die Art der Produktion immer stärker, dass die Möglichkeiten auch genutzt werden. Die neoliberale Gouvernementalität hingegen sei eine Machtform, „die nur durch die Freiheit und auf die Freiheit eines jeden sich stützend sich vollziehen kann“. Wenn im Neoliberalismus die Innovationen angetrieben werden, „wenn man also neue Dinge erfindet, wenn man neue Formen der Produktivität entdeckt, wenn man technologische Erfindungen macht, dann ist das alles nichts anderes als der Ertrag eines bestimmten Kapitals, nämlich des Humankapitals, das heisst der Gesamtheit der Investitionen, die man auf der Ebene des Menschen selbst gemacht hat.“
Während also bei Foucault die Subjektivität nicht unter der Bedingung der kollektiven Unterwerfung stattfindet, sondern als Subjektwerdung in einem Netz von Relationen, lautet bei Shoshana Zuboff dagegen der Zentralbegriff zur Analyse des Überwachungskapitalismus’: „Instrumentarismus“. Die Vermessung und Auswertung menschlichen Lebens von oben habe durch Informationstechnologien ein beispielloses Ausmass angenommen, sodass der Überwachungskapitalismus eine völlig neue Machtform sei: Instrumentarismus.
Das neue System „Überwachungskapitalismus“ bestehe darin, dass sich die „enormen Kräfte des Digitalen mit der radikalen Indifferenz und dem intrinsischen Narzissmus des neoliberalen Finanzkapitalismus“ verknüpft haben. – „So wie der Industriekapitalismus sich zur fortwährenden Weiterentwicklung der Produktionsmittel für die Herstellung preiswerter Produkte gezwungen sah, so sind die Überwachungskapitalisten und ihre Klientel heute Sklaven der fortwährenden Weiterentwicklung ihrer Mittel zur Verhaltensmodifikation und der zunehmenden Gewalt instrumentärer Macht.“
Verhaltenssteuerung von HumankapitalDie Rechtfertigung dafür, dass menschliche Erfahrung kommodifiziert werden kann, findet allerdings schon viel früher statt als Zuboff annimmt, nämlich früh im Rahmen einer neoliberalen Gouvernementalität, die man – in der Foucaultschen Perspektive – als Benehmensregierung und als Verhaltenssteuerung von Humankapital bezeichnen kann. Schon die neoliberale Rationalität fusst auf einem beobachtenden Blick des Marktes.
„The gaze“, im Französischen „le regard“, dieser beobachtende Blick spielt in Foucaults Diskurs der Regierungskunst eine entscheidende Rolle. Man müsste daher, wenn man eine Gegengeschichte des Internets im sogenannten Überwachungskapitalismus aufmachen wollte, sie entlang einer der zentralen Fragestellungen in Foucaults Schriften zur Macht entwickeln: Wie lässt sich der Zuwachs an subjektiven Fähigkeiten aufgrund der Informationstechnologien von der Intensivierung der Machtbeziehungen trennen?
Diese Frage stellt sich für Zuboff nicht, weil sie auf eine liberale Staatsordnung als Gegengewicht zum Überwachungskapitalismus setzt. Zuboff sieht einen historisch besonderen „Staatsstreich von oben“, den der gegenwärtige Überwachungskapitalismus betreibe. Zuboff: „Er ist kein Staatsstreich im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Coup de Gens im Gewand des technologischen Trojanischen Pferds. (…) Es handelt sich hier um eine Form der Tyrannei, die sich vom Menschen nährt, aber nicht vom Menschen ist.“
Wie aber, um mit Foucault zu fragen, soll es dann möglich sein, „dass man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird“ ? Wenn Foucault nach „neuen Formen von Subjektivität“ fragt, weist er „die Art von Individualität“ zurück, „die man uns seit Jahrhunderten aufzwingt.“ (Dits et Ecrits, IV, Seite 280) – Foucault spricht von der Möglichkeit subversiver Intervention durch die Subjekte. Foucault: „Ich träume von einem neuen Zeitalter der Neugier. Die technischen Möglichkeiten dazu haben wir. Der Wunsch ist vorhanden. Es gibt unendlich viel zu wissen. … Wir müssen vielmehr die Wege und Möglichkeiten des Austausches vermehren.“
Danach sind die Subjekte, welche die technologischen Strukturen ihrer Subjektwerdung hinterfragen, die Hoffnungsfigur. Es ist „das Verhältnis zu sich selbst“, wie Foucault in einer Vorlesung 1982 sagte, „der letzte Ankerpunkt des Widerstandes“. Des Widerstandes gegen die Macht. „Das Problem ist nicht“, Foucault, „eine verlorene Identität wiederherzustellen, unsere gefangen gehaltene Natur, unsere tiefste Wahrheit. Sondern das Problem ist, sich auf etwas komplett anderes hinzubewegen. Das Zentrum kann man immer noch in Marx’ Formulierung finden: Der Mensch produziert den Menschen. (…) Wir müssen etwas hervorbringen, das noch nicht existiert und von dem wir nicht wissen, wie und was es sein wird.“
Heinrich Thüer
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