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Frauen schuften für uns zum Lohn von 15 Rappen pro Stunde

Red. / 18. Feb 2019
Ausgebeutete indische Heimarbeiterinnen arbeiten für Kleiderkonzerne in Europa und den USA, deckt die University of California auf.

Die Katastrophe von Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 ist noch in schlechter Erinnerung. Beim Einsturz der maroden Textilfabrik in Sabhar wurden 1’135 Menschen getötet und 2’438 verletzt. Seither stehen westliche Kleiderkonzerne unter Druck, die Produktionsbedingungen in ihren ganzen Lieferketten zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass Minimallöhne, Menschenrechte und die Sicherheit an den Arbeitsplätzen gewährleistet sind. Unterdessen ist viel versprochen, doch wenig eingehalten worden.
Eine Studie der University of California in Berkeley deckt jetzt eine besondere Schwachstelle auf: Ausbeuterische und skandalöse Arbeitsbedingungen der unzähligen Heimarbeiterinnen, die im Auftrag eines schwer durchschaubaren Geflechts von Subunternehmen für die Kleiderkonzerne tätig sind. Ein Forscherteam der Universität hat vor allem im Norden Indiens 1’452 Heimarbeiterinnen persönlich befragt. Es ist eine der umfassendsten Erhebungen direkt bei Betroffenen, die es je gab.
In Indien arbeiten rund 13 Millionen Menschen, vor allem Mädchen und Frauen, in Textil-Fabriken. Doch noch weit mehr arbeiten in Heimarbeit zu Hause. Es sind vor allem Frauen und Mädchen aus historisch unterdrückten ethnischen Gemeinschaften oder Mitglieder religiöser Minderheiten.
Durchschnittslohn von 15 Cents oder Rappen pro Stunde
In der Regel schuften die Heimarbeiterinnen jeweils über acht Stunden pro Tag zu Hause oder in oft behelfsmässig eingerichteten Werkstatträumen. Der durchschnittliche Stundenlohn der 1’452 befragten Frauen beträgt 15 US-Cents oder 15 Rappen pro Stunde.
Damit erhielten praktisch alle Heimarbeiterinnen zwischen 50 und 90 Prozent weniger ausbezahlt als den vom indischen Staat festgelegten Mindestlohn. Dieser liegt im Bundesstaat Rajasthan für einen achtstündigen Arbeitstag bei 3,08 Dollar oder 39 Cents pro Stunde für ungelernte Arbeit. Oder in Neu-Delhi bei 8,44 Dollar pro 8-Stundentag oder 1,05 Dollar pro Stunde.
Die Arbeit zu Hause oder in einer kleinen improvisierten Werkstatt ist nicht nur extrem gering bezahlt. Sie fesselt die Arbeiterinnen auch ans Haus, um die vorhandenen Aufträge schnell und zeitnah zu erfüllen, damit sie wenigstens ein Minimum verdienen. Erholungspausen, Arbeitplatzsicherheit und gesundheitssichernde Arbeitsbedingungen sind so kaum möglich. Chronische Erkrankungen einschliesslich Rückenschmerzen und Sehverminderung sind unter diesen Bedingungen verbreitet. Eine medizinische Betreuung und Hilfe gibt es in der Regel nicht: die Subunternehmer lassen die Arbeiterinnen im Stich.
Siddharth Kara, ein langjähriger Kenner der modernen Sklaverei, der den Forschungsbericht verfasste, erklärte am 6. Februar in der «New York Times»:
„Aufgrund der mangelnden Transparenz und des informellen Charakters der Heimarbeit haben die Arbeitnehmerinnen praktisch keine Möglichkeit, sich gegen missbräuchliche oder unfaire Bedingungen zu wehren.“ Der Staat tue wenig, um vorgeschriebene Mindestlöhne, Arbeitsbedingungen oder Sozialstandards einzuführen und die Mindestlöhne durchzusetzen.
Hinzu kommt, dass diese Arbeit fast ausschliesslich von Menschen erledigt wird, denen aufgrund ihrer Herkunft der Zugang zu sozialen Systemen und Bildung nicht möglich ist. Deshalb ist von den Betroffenen kaum Widerstand zu erwarten.
Solche Heimarbeit ist auch in Bangladesch, Vietnam und China verbreitet.
Etwa zwanzig Prozent der Arbeiterinnen in Indien waren Mädchen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren. Die meisten der hauptsächlich in Nordindien Befragten gaben an, dass sie die Heimarbeit wegen „irgendeiner Form von Zwang“, einschliesslich schwerer finanzieller Not, familiärem Druck oder nicht vorhandener Alternativen verrichten. Meistens geben sie modischen Kleidungsstücken den «letzten Schliff»: Stickereien, Quasten, Fransen, oder Knöpfe annähen.
Von den Subunternehmern gelangen die Kleidungsstücke zu den etablierten Kleiderkonzernen und bekannten Marken. Rund 85 Prozent der modischen Kleider, für welche Heimarbeiterinnen den «Finish» erledigen, gelangen zum Verkauf in die Kleidergeschäfte Europas und der USA, heisst es im Bericht.
Weder Gewerkschaften noch schriftliche Arbeitsverträge
Der Bericht nennt keine der befragten Frauen namentlich, aus Angst, dass sie ansonsten ihren Lebensunterhalt verlieren oder ihre Familien bestraft würden; denn die Subunternehmer, die in der Regel männlich sind, misshandeln die Frauen oft verbal und schüchtern sie ein, um sie gefügig zu machen.
Auch die involvierten Konzerne nennt der Bericht nicht beim Namen; denn die Autoren möchten nicht, dass die Konzerne diese Art Outsourcing einschränken oder sogar stoppen. Kara begründet dies wie folgt: „Wir könnten diese Firmen benennen und beschämen, aber es könnte erfolgreicher sein, hier einen konstruktiveren Weg zu finden (….) Diese Frauen und Mädchen verdienen vielleicht nur ein paar Cent, aber sie sind entscheidend. Wenn sich die Marken einfach zurückziehen und sie ihre Hausarbeit verlieren, könnte dies für sie und ihre Familien katastrophal sein.“
Der Bericht fordert jedoch, dass die Heimarbeiterinnen die Möglichkeit bekommen, sich in einer neu zu gründenden Gewerkschaft zu organisieren, und dass sie schriftliche Arbeitsverträge mit akzeptablen Löhnen und humanen Sozialstandards erhalten. Des Weiteren sollte die Strafverfolgung von Subunternehmern erheblich verstärkt werden.
Das können fromme Wünsche bleiben, so lange die Konsumentinnen und Konsumenten in Europa und den USA keine Hemmungen zeigen, dass arme Mädchen und Frauen für 15 Cents pro Stunde für sie schuften.