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„DAS SCHWEIN WIRD HEUTE GEHÄNGT!“ Carl-Peters und die verdammten kolonialen Straßennamen

von Sami Omar, Migazin, 11. Januar 2018. In Deutschland wird zahlreichen Kolonialisten noch immer mit Straßennamen gehuldigt. Durch diese Straßen gehen Schwarze Menschen. Sie Kaufen ein oder bringen ihre Kinder zur Schule und wandeln auf asphaltierten Ruhmesmalen der Unterdrücker und Mörder ihrer Vorfahren.
Carl-Peters-Straße, Montage by MiG © SofiLayla @ pixabay.com (CC0), bearb. MiG

Tansania
liegt in Afrika. In Tansania liegt die Stadt Tanga. In Tanga steht ein Haus. In
dem Haus ist ein Badezimmer und in dem Badezimmer sitzt  Carl Peters auf
dem Lokus und sieht auf seinen Bauch. Er wippt sein Bauchfett mit beiden Händen
hin und her, quetscht es von beiden Seiten ein und lässt es wieder los. Er
verplempert Zeit. Es ist das Jahr 1891. Draußen im Salon sitzt der
Zivilgouverneur für Deutsch-Ostafrika und wartet mit Gebäck auf ihn. Peters ist
mehr Aufhebens um seine Person gewöhnt, als man in Tanga um ihn macht. Ohne ihn
gäbe es Deutsch-Ost-Afrika doch gar nicht, denkt er. Das Land, die Rohstoffe,
die N**. Alles steht zur Verfügung – dank ihm. Er schüttelt ärgerlich den Kopf.
Dann macht er laut schlechte Luft und verlässt den Raum.
Graf Joachim
Pfeil, „Afrikaforscher“ und Peters Weggefährte, schreibt über ihn, er habe in
dieser Zeit einen N** verprügelt, weil dieser sich geweigert habe, ihm ein
„Frauenzimmer“ aus der dortigen Bevölkerung zu besorgen. Er habe später während
eines Herrenabends verlangt, dass jeder Weiße ein Lied singe und dazu tanze.
Als Pfeil einwendet, was denn die N** denken sollen, erwidert Peters: „daß die
Viecher überhaupt nicht denken.“* Eigentlich steckt in dieser Schilderung die
ganze welt- und menschenbildliche Grundlage des Kolonialismus. Sie reicht von
der infantilisierenden Haltung des Grafen Pfeil, der sich angesichts der
Albernheiten seines deutschen Zeitgenossen um den Erhalt seiner vermeintlich
natürlichen Autorität sorgt. Bis zu der bloßen Entmenschlichung und damit
legitimierten Gewalt gegen die Bewohner Afrikas, durch den Begründer der
Kolonie Deutsch-Ost- Afrika Carl Peters.
Der
Pfarrerssohn wird am 27. September 1856 in Neuhaus im Landkreis Lüneburg
geboren. Im Garten des Gemeindehauses steht noch heute ein 1,70 großer Findling
mit einer Gravur: „Unserm Carl Peters. Begründer von Deutsch-Ost-Afrika“ . Die
Dame im Pfarrbüro lacht freundlich, wenn man Nachfragt und seufzt dann etwas.
Der Findling vergehe leider nicht, dass hätten die Dinger so an sich. Aber man habe
am Gemeindehaus eine Tafel angebracht, zur geschichtlichen Einordnung von Carl
Peters. Der sei ja nun mindestens „ziemlich umstritten“.
Vielleicht
am bekanntesten ist die Geschichte um einen Herrn mit Namen Mabruk (In der
deutschen Literatur manchmal auch Mabrucki genannt). Während einer Expedition
zum Kilimandscharo fiel dieser Mann, der wohl zur Dienerschaft der Herren um
Peters und seiner selbst gehörte, negativ auf. Ihm wurde zur Last gelegt, eine
Liebschaft zu einer Frau zu unterhalten, die Peters sich selbst als Geliebte
hielt. Peters: „Eine solche Frechheit, die Frau des
Chefs zu benutzen, verdient die Todesstrafe. ……….
“ „Das Schwein wird
heute aufgehängt….“ Mabruk stirbt qualvoll und nach mehreren misslungenen
Versuchen am Strick. Peters sitzt derweil zu Tisch in der Messe bei den übrigen
Europäern. Im Januar 1892 wird auch Jagodja, die Frau, wegen „Konspiration mit
feindlichen Stämmen“ zum Tode verurteilt. Sie wird über dem Tor zu dem
Lager aufgehängt.
In
Deutschland wird Carl-Peters und anderer Kolonialisten noch in einer Vielzahl
von Städten mit Straßennamen gehuldigt. In Weimar, Berlin, Bottrop, Mannheim,
Kaiserslautern, Ludwigsburg, Bielefeld und anderen Orten, gehen Schwarze
Menschen und People of Colour durch Straßen mit diesen Namen. Sie Kaufen ein oder bringen
ihre Kinder zur Schule und wandeln dabei auf dem asphaltierten Ruhmesmalen der
Unterdrücker und Mörder ihrer Vorfahren.
Prominente
Vertreter deutscher afrika-bezogener Politik verharmlosen und relativieren
immer wieder systematisch den Kolonialismus und suchen ihn in Reden und
Interviews in etwas um zu deuten, dass dem afrikanischen Kontinent auch viel
Gutes gebracht habe. Der Afrikabeauftragte der Bundesregierung Günter Nooke
(CDU) stand und steht wegen seiner Äußerung in der Kritik, die europäische
Herrschaft in Afrika habe „dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen
Strukturen zu lösen“.  In gleicher Manier mögen Vergewaltiger behaupten,
aus ihren Opfern erst „richtige Frauen“ gemacht zu haben.
Solche
Relativierungen liegt im Kern der ganzen Debatte um die Umbenennung dieser
Straßen und Plätze in deutschen Städten. Straßennamen sind, wo sie Personen
bezeichnen, Ehrungen und drücken die Achtung der Bürgerschaft vor deren
(Lebens-)Leistungen aus.  Diese Ehrungen können nur in einer Gesellschaft
bestehen bleiben, in der unter ihren Bürgern nicht auch Opfer eben dieser 
sind. Ihre Unmöglichkeit bedingt sich aber eben dadurch, dass Schwarze Menschen
und People of Color Teil dieser Gesellschaft sind. Wer ihre Missachtung durch
Straßennamen, wie „Carl-Peters-Straße“ nicht anerkennt, stellt so auch ihre
Gleichwertigkeit als Bürger dieses Landes in Frage.