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CHAOS DER BEGRIFFE – Extremismus als Containerbegriff

Von Islamiq,
25. März 2017. Muslime kritisieren Begriffe wie „Islamismus“ und
„Dschihadismus“. Doch gibt es Alternativen? Wie diese geschaffen werden können
und warum „der Islam“ oftmals als Projektionsfläche dient, erklärt Michael
Kiefer im IslamiQ-Interview.

Der Islamwissenschaftler Michael
Kiefer. @ Universität Osnabrück

IslamiQ: Es wird öfter über „Islamismus“,
„Dschihadismus“ und „Salafismus“ gesprochen als über den Islam, Dschihad und
über die Salaf. Teilen Sie diese Einschätzung? Welche Gründe hat das Ihrer
Meinung nach?
Michael Kiefer: Ja, leider ist das so. Die derzeitigen
Islamdiskurse in vielen Medien fokussieren eher negative Aspekte. Insbesondere
die blutigen Anschläge des Jahres 2016 haben zu einer erheblichen Verstärkung
dieser Tendenz geführt. Hinzu kommt eine rechtspopulistische Mobilisierung die
den „Islam“ zur Ursache allen Übels erklärt. Eine differenzierte Debatte ist im
Moment sehr schwierig, aber dennoch möglich. Dies zeigen unter anderem viele
Veranstaltungen, die unter anderem von der Bundeszentrale für politische
Bildung (bpb) und den politischen Stiftungen durchgeführt werden.

IslamiQ: In öffentlichen Debatten werden Ismen gerne
zur Abgrenzung verwendet: Nicht der Islam sei gefährlich, sondern der
„Islamismus“. Nicht der Bezug zur Salaf sei gefährlich, sondern der
„Salafismus“. Solche Unterscheidungsbestrebungen sind zwar verständlich, führen
aber nur selten zu einer ausreichenden Differenzierung in der Wahrnehmung. Wie
sehen Sie das?
Kiefer: Ursache für das von Ihnen monierte Phänomen ist in
erster Linie ein unscharfer Extremismusbegriff. Im Kontext der
Präventionsarbeit entwickelt sich der Begriff Extremismus immer mehr zu einem
Containerbegriff, in den jeder seine mitunter kruden Vorstellungen hineinpacken
kann. Als Beispiel können hier die Anwürfe gegen Akteure der Präventionsarbeit
in Frankfurt angeführt werden. Der Besuch eines Kongresses auf dem gemutmaßte
Muslimbrüder oder angebliche Extremisten teilgenommen haben und ein paar Fotos
reichen aus um Verdächtigungen auf sich zu ziehen. Die Entwicklung, die wir
hier beobachten können, halte ich für höchst bedenklich. Gerade in der
Präventionsarbeit müssen wir mit einem klar konturierten Extremismusbegriff
arbeiten, der ohne grenzwertige Bezichtigungen und generelle negative
Markierungen auskommt. Hier ist noch einiges zu tun.

IslamiQ: Muslime werden aufgefordert, die
Deutungshoheit über ihre Begriffe, die sie an extremistische Gruppen verloren
zu haben scheinen, wiederzuerlangen. Wann und warum haben sie diese Ihrer
Einschätzung nach verloren?
Kiefer: Nun ja, diese Äußerungen beziehen sich vor allem auf
das Internet. Bekanntlich gibt es hier eine kaum mehr überblickbare
Informationsflut über den „Islam“. Viele dieser Inhalte werden von extremistischen
Gruppen generiert. Leider erreichen diese Formate viele junge Menschen und
können zu deren Radikalisierung beitragen.
Mittlerweile
entwickeln die Extremisten schon Apps für Kinder, die Ihre kruden und
einfältigen Botschaften transportieren. Ein Problem in diesem Kontext ist, dass
der organisierte Islam in Deutschland diese Entwicklung verschlafen hat.
Faktisch sind sie im Netz nicht mit jugendgerechten Angeboten im Netz.

IslamiQ: Muslime müssen mit der Spannung zwischen
ihrem Glauben und den Folgen der Taten Einzelner leben. Wie wird sich Ihrer
Meinung nach die belastende Atmosphäre in Deutschland auf die muslimische
Jugend auswirken?
Kiefer: Ich möchte hier keine Kaffeesatzleserei betreiben. Ich
weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Es wird bestimmt so sein, dass einige
junge Muslime die Berichterstattung als Belastung empfinden. Andere hingegen
sind sehr selbstbewusst und werden nicht müde zu betonen, dass sie mit
terroristischen Aktionen nicht das Geringste zu tun haben.

IslamiQ: Die entscheidende Frage: Gibt es alternative
Begriffe und Ansätze?
Kiefer: Ja, es gibt andere Ansätze. Wir bemühen uns
Präventionsansätze zu realisieren, die keine markierende oder stigmatisierende
Wirkung entfalten. Darüber hinaus weisen wir in Anlehnung an Olivier Roy
beständig darauf hin, dass wir es mit einer Islamisierung der Radikalität zu
tun haben und nicht mit einer Radikalisierung des Islams. Diese Unterscheidung
ist von größter Bedeutung. Denn darin wird deutlich, dass der „Dschihadismus“
ein Problem der gesamten Gesellschaft ist. Dies zeigt z. B. gerade die
Verhaftung eines ehemaligen Rechtsextremisten, der nun unter der Flagge des
„Dschihadismus“ seine Militanz auszuleben versucht.
Das Interview führte Ali Mete.