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Gonzo-Journalismus: ProMosaik im Gespräch mit Kit O’Connell

von Milena Rampoldi, ProMosaik. Anbei mein Interview mit dem
US-Journalisten Kit O’Connell über sein neues Portal Gonzo
Notes
. Wir beginnen in Kürze eine Kooperation mit Gonzo Notes… für
uns wie auch für viele LeserInnen von ProMosaik ist Gonzo-Journalismus ein
innovatives Experiment, das uns in die Lage versetzt, uns mit dem Thema der
journalistischen Objektivität und Subjektivität auseinanderzusetzen. Möchte
mich bei Kit für seine tollen Antworten bedanken.

Kit O’Connell bei der Arbeit

Milena Rampoldi: Was ist Gonzo-Journalismus und was
bedeutet dieser für dich persönlich?


Kit O‘ Connell: Hunter S.
Thompson, der Verfasser des Werkes „Fear & Loathing In Las Vegas“
(deutscher Titel: Angst und Schrecken in Las Vegas) und zahlreicher
anderer Bücher, kreierte den Begriff des „Gonzo-Journalismus“, obwohl diese
Praxis historisch weiter zurückliegt. Ein großartiges Beispiel des frühen
Gonzo-Journalismus ist Nelly Bly, die sich im Jahre 1887 in eine psychiatrische
Anstalt einliefern ließ, um die furchtbare Behandlung der Patienten zu
erörtern. Ken Kesey ist ein anderer berühmter Journalist dieser Richtung,
obwohl er eine Variante mit der Bezeichnung „New Journalism“ praktizierte.

Der Gonzo-Journalismus ist ein
Journalismus, der die Idee der Neutralität und Objektivität zurückweist. Ich
bin vor allem Aktivist, und erst an zweiter Stelle Journalist, auch wenn der
Journalismus mir die Möglichkeit gibt, meine Rechnungen zu bezahlen und mit meinem
Aktivismus weiterzumachen. Für mich ist der Journalismus eine Möglichkeit, um
wesentliche Wahrheiten aufzuzeigen und zu versuchen, das Wissen zu teilen,
gemäß dem wir eine bessere und menschlichere Welt aufbauen sollen.

Welche
Hauptthemen wirst du auf deinem neuen Portal behandeln?

Ich blogge seit 2008 auf kitoconnell.com, und nun möchte ich wieder damit anfangen,
originale Schriften auf dieser Seite zu veröffentlichen. Ich fokussiere im
Besonderen auf Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und übersehene Geschichten
über marginalisierte Gruppen von Menschen. Im Moment arbeite ich gerade an
einer Geschichte lesbischer Frauen, die eine Kunstgalerie im ländlichen New
Hampshire aufbauen. Des Weiteren arbeite ich an einer Recherche über wie
obdachlose Jugendliche bei der University of Texas in Austin benachteiligt
werden. Im Moment habe ich viele Interessengebiete, aber ich glaube, dass die
Recherchen über die Überlebensstrategien von Menschen und ihre Leiden im Spätkapitalismus
einen roten Faden darstellen.

Vor kurzem habe ich die
Mailingliste „Gonzo Notes“ lanciert, die Interessierte kostenlos abonnieren
können (
kitoconnell.com/mailinglist). Ich habe auch ein Patreon-Konto eingerichtet (patreon.com/kitoconnell). Nach Januar werde ich keinen Vollzeitjob mehr
haben. Daher werde ich von der Unterstützung meiner Arbeit durch meine
LeserInnen abhängen. Ich hoffe zahlreiche Schriftstücke mit einer Lizenz von
Creative Commons zu veröffentlichen, damit sie frei geteilt und
wiederveröffentlicht werden können.

Welchen Beitrag
denkst du kann der Gonzo-Journalismus zum alternativen Journalismus leisten?

Der Gonzo-Journalismus ist an
sich schon eine Form des alternativen Journalismus. Ich bin der Meinung, dass
die Menschen sich vor allem deshalb von den Mainstream-Medien distanzieren
möchten, weil sie die Nachrichten unmittelbarer erleben möchten, wie sie auch
normale Menschen erleben. Die traditionellen Journalisten behalten Klarheit und
Distanz bei, die meiner Meinung nach auch ihren Wert haben, aber viele
LeserInnen wünschen sich auch die Direktheit des Gonzo-Journalismus.

Die Proteste sind ein perfektes
Beispiel dafür. Die Fernsehnachrichten hier in den USA ignorieren entweder die Volksproteste
oder stellen die Demonstranten als uneffektiv, chaotisch und sogar gefährlich
anstatt als aussagekräftig dar. Ein Gonzo-Journalist kann hingegen die Erfahrung
bringen, selbst mitten drin in dem Protest zu sein. So versetzt er LeserInnen
in die Lage, die Ursache der Auflehnung nachzuvollziehen.

Warum ist
Objektivität im Journalismus unmöglich?

Alle Journalisten haben ihre Vorurteile.
Vorurteile gehören einfach zur conditio humana. Der traditionelle
Journalismus weist diese Art von Journalismus im Allgemeinen ab und erklärt
sich als „objektiv“. Aber jeder Journalist bringt seine eigenen Ansichten in
einer Geschichte ein. Dasselbe gilt auch für den Redakteur, Herausgeber, die
Sponsoren und Anzeigenkunden. Hier in den USA behaupten sowohl MSNBC als auch
Fox News, zwei der größten TV-Nachrichtennetzwerke von sich, sie würden
neutralen Journalismus anbieten, aber sie zeigen beide in eine oder die andere
Richtung, entweder die der Demokraten oder die der Republikaner.  

Als Gonzo-Journalist lege ich
meine Vorurteile auf den Tisch. Ich sage allgemein, dass ich mich für
Menschenrechte und Gleichheit einsetze. Ich hoffe, dass meine LeserInnen
wissen, dass die Menschen für mich immer an erster Stelle stehen, auch wenn es
für einen Politiker oder eine Gesellschaft unbequem erscheint.

Wie können die
Ansichten verschiedener Journalisten aus verschiedenen Kulturen und Religionen
die journalistische Arbeit verbessern?

Wir sind alle Menschen, aber
jede(r) von uns erlebt einen einzigartigen und verschiedenen Aspekt jener
menschlichen Erfahrung. Ich habe immer versucht, mir neue Quellen aus anderen
Regionen der Welt anzusehen, beispielsweise das öffentliche Radio in Kanada
oder BBC. Es ist faszinierend und inspirierend zu hören, wie Mainstream-Journalisten
aus Kanada über unseren neu gewählten Präsidenten sprechen. Natürlich haben uns
auch die sozialen Medien wundervolle, innovative Möglichkeiten eröffnet, um
andere Kulturen zu erreichen. Ich finde es großartig, dass ich einem Reporter
folgen kann, der Tausende von Kilometern weit weg von mir tätig ist.

Natürlich verwandeln auch die
Smartphones irgendwie alle in Bürgerjournalisten. Wenn man Zeuge wichtiger
Ereignisse ist, braucht man nur einen Livestream zu erstellen oder auf Twitter
zu veröffentlichen. Einige Reporter sehen dies als Bedrohung, ich hingegen
finde es ein extrem befreiendes Potential für die Menschheit. Es ist natürlich
auch mit einer riesigen Verantwortung verbunden, der wir vielleicht als Spezies
noch nicht gewachsen sind.

Wie reagieren
die LeserInnen auf den Gonzo-Journalismus?

Ich habe definitiv den Gegenwind
von Menschen erlebt, die sich mit dem konventionellen Journalismus besser
fühlen. Da immer mehr Menschen die Vorurteile 
des Mainstream-Journalismus erkennen, denke ich, dass die Nachfrage nach
einer anderen Art von Nachrichten steigt. Und jedes Mal jemand die Art zu
schreiben, verwirft, die ich befürworte,  gibt es viel mehr Menschen, besonders
Interviewpartner, die mir sagen, dass ich eine Geschichte besser gebracht habe
als jeder andere. Im Moment gibt es ein großes Misstrauen gegenüber den Medien.
Ich denke, dass die Ehrlichkeit über unsere Vorurteile eine Möglichkeit
darstellt, um jenes Vertrauen neu aufzubauen. Ich habe eine kleine, stetig
wachsende Anzahl von Menschen, die auf meine Stimme und die einzigartigen
Geschichten, die ich teile, vertrauen.

Abschließend möchte ich noch ein
längeres Zitat von Hunter Thompson anführen. Ich hoffe, dass es die LeserInnen
von ProMosaik schätzen werden:

„Es gibt viele Arten und Weisen, die Kunst des Journalismus zu
praktizieren. Und eine von ihnen besteht darin, deine Kunst wie einen Hammer zu
verwenden, um die richtigen Leute kaputtzumachen — und diese sind fast immer
deine Feinde, aus welchem Grund auch immer, und sie verdienen es,
kaputtzugehen, weil sie einfach falsch liegen. Das ist ein gefährlicher
Begriff, und sehr wenige Profijournalisten werden ihn beherzigen— sie werden
ihn als „rachsüchtig“, „primitiv“ und „pervers“ bezeichnen; dies wird aber ganz
unabhängig davon geschehen, dass sie sehr oft dasselbe tun werden. „Diese Sache
ist eine Meinung“, sagen sie, „und der Leser wird reingelegt, wenn sie nicht
als Meinung bezeichnet wird.“ Genau, so vielleicht. Vielleicht täuschte Tom
Paine seine Leser, und vielleicht war Mark Twain ein krummer Betrüger ohne Moral,
der den Journalismus für seine üblen Zwecke nutzte. Und vielleicht hätte man H.
L. Mencken einsperren sollen, weil er versucht hat, seine Meinung an
leichtgläubige Leser als normalen „objektiven Journalismus“ zu auszugeben.
Mencken verstand, dass die Politik, wie sie im Journalismus genutzt wurde, die
Kunst war, die Umgebung zu kontrollieren. Und er entschuldigte sich auch nicht
dafür. In meinem Falle habe ich, um es freundlich auszudrücken, durch den
„Advocacy-Journalismus“, die Reportage als Waffe eingesetzt, um politische
Situationen, die meine Umwelt bedrücken, zu beeinflussen.“