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Einführung ins Buch: Christian Tasso „Quindicipercento“

von Giovanna
Calvenzi
, Rezension des Buches von Christian Tasso,
Quindicipercento, deutsche Übersetzung von Milena Rampoldi, ProMosaik.
Der erste Teil des fortlaufenden Projektes mit
dem Titel „QuindiciPercento“ (zu Deutsch: fünfzehn Prozent) befasst sich, in
Form einer limitierten Auflage und im Rahmen einer Wanderausstellung, mit den
Ländern Ecuador, Rumänien und Nepal. Das Projekt verfolgt das Ziel der
Bewusstseinsbildung der Öffentlichkeit hinsichtlich des Lebens von Männern und
Frauen mit Behinderung in verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen
Kontexten.
Wonach suchen wir heutzutage in der Fotografie?
Im Laufe der Geschichte hatten wir zahlreiche verschiedene Erwartungen an die
Fotografie: zu Beginn ihrer Geschichte wollten wir, dass uns die Fotografie
geheimnisvolle, ferne Länder und Portraits von Gesichtern zeigt, die wir nie
zuvor gesehen haben, uns von vergangenen Ereignissen erzählt, dann, dass sie
dokumentiert, uns stimuliert, bewegt, aussetzt und dass sie manchmal auch die
Beschaffenheit der Dinge verändert. Heutzutage fordern wir in einer Welt, überfüllt
von Milliarden ungreifbarer Darstellungen von uns selbst, nur Eines: dass die
Fotografie sie selbst ist, nämlich wahre Fotografie ist und von jenen erzeugt
wird, die ihr unendliches Potential verstehen. Die Fotografie ist heute wie nie
zuvor ein Werkzeug, das in der Lage ist, uns die Welt vorzuzeigen, uns
Unbekanntes zu zeigen, fremde Freunde und Schicksale zu offenbaren.
Christian Tasso fordert uns zu einer
Kleinigkeit auf, die trotzdem etwas Riesiges ist: er möchte, dass wir ihn auf
seine Reisen begleiten, zum Mittel werden, das ihn in die Lage versetzt, zu
sehen, zu lernen und mit denen zu teilen, denen er begegnet und die seine
Arbeit sehen werden. Und genau dies hat er getan. Und dies wird er auch in
Zukunft tun. Er hat einen Weg gewählt, der auf Engagement, Reisen und Arbeit an
der Seite des „Teils der Menschheit basiert, der trotz der Barrieren seinen Weg
weitergeht“, wie Christian selbst schreibt. Es geht um Männer und Frauen mit
herzzerbrechenden Geschichten, außerordentlichem Mut und der Fähigkeit zu
leben, die uns die Hoffnung lehrt.
Seine Geschichte führt uns von Italien bis
nach Ecuador, von Rumänien nach Nepal. Christian Tasso verwendet die noble
Sprache des Fotojournalismus mit einer angeborenen empathischen Fähigkeit
gegenüber Orten, Menschen und großen und kleinen Ereignissen. Er porträtiert
mit derselben Empathie das Lächeln der Kinder, die habgierigen Hände, die
unterstützenden Umarmungen, die Augen, die nicht sehen können. Und es sieht so
aus, als würde er seine Arbeit nach dem Motto von Maurizio Chierici ausüben,
welcher so schön sagte: „Die Augen, die das Unglück sammeln, müssen trocken
bleiben.“
Die „trockenen“ Augen von Christian Tasso sind
somit in der Lage, auf jener feinen Linie zwischen der Teilnahme und dem Teilen
zu wandeln, sich zwischen der Normalität und ihren Variationen zu bewegen,
zwischen der Armut und der Fähigkeit, trotz allem zu leben. Er erteilt uns eine
wahre Lektion im Fach Fotojournalismus. Und er verwendet eine einfach und
kulturelle Sprache, die uns in die Lage versetzt, zu entdecken und daran
teilzunehmen. Seine Bilder sind ohne Pietät und sind das größte Geschenk, das
er seinen LeserInnen machen kann: seine klare Sicht teilt einfach die Welten,
die sich vor seinem Objektiv ausbreiten. Christian bringt allen seinen Themen
denselben Respekt entgegen, überwindet Behinderungen und Schicksalsschläge.
Allen Brüdern und Schwester aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen
Schicksalen, die mit ihm gereist sind oder Teil seiner Reise waren, bringt er
denselben Respekt entgegen.

Christian Tasso verlangt von der Fotografie
nur, dass sie ihn auf seinen Reisen begleitet. Aber in Wirklichkeit
dokumentieren seine Bilder, sie regen an, sie bewegen, sie erörtern und sie
werden – hoffen wir – auch dazu beitragen, die Beschaffenheit der Dinge zu
ändern.