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Loverboys: ein Problem, das uns alle betrifft


von Milena Rampoldi, ProMosaik e.V. – In diesem Artikel möchte ich einen
schweren Verstoß gegen die Selbstbestimmung und Freiheit junger Frauen
besprechen, der sich Loverboy-Phänomen nennt. Zum Thema habe ich mich mit drei
Vereinen unterhalten, die sich um die Mädchen kümmern, die Opfer von Loverboys
werden und dann zwangsprostituiert werden. Eine wichtige Botschaft, die ich in
diesem Zusammenhang, mitteilen möchte, ist diese: Die Mädchen sind keine
schlechten Mädchen, sondern Opfer; denn das Phänomen betrifft uns als gesamte
Gesellschaft und muss somit auch gesellschaftlich gelöst werden, indem man die
Opfer nicht zu Schuldigen macht, sondern ihr Selbstbewusstsein stärkt, um sie
von der Hörigkeit gegenüber dem Täter bzw. der organisierten Kriminalität, die
hinter diesen steht, zu befreien. Das Loverboy-Phänomen ist nämlich ein
psychologisch-emotionaler Teufelskreis.

Bärbel Kannemann von No Loverboys
Frau Kannemann von No Loverboys habe ich gebeten, die
Loverboymethode zu erklären. Sie definiert den „Loverboy“ in diesem
Zusammenhang wie folgt: „
Ein Loverboy ist in der Regel ein junger Mann zwischen
18 und 30. Loverboyopfer kann jedes Mädchen werden, aus jeder Familie, aus
jeder sozialen Schicht. Besonders gefährdet snd allerdings Mädchen mit geringem
Selbstwertgefühl.“ Die zwangsprostituierten Mädchen, die durch die Loverboys zu
Opfern des organisierten Menschenhandels werden, müssen, so Kannemann „ihrem
früheren Umfeld , und damit dem Zugriff der Täter, entzogen werden
(Unterbringung in Schutzwohnungen, betreutem Wohnen). Sie brauchen Schutz in
jeder Beziehung: Ärztliche Betreuung, psychologische Betreuung, Anerkennung,
Bestätigung, Vertrauen, Aufmerksamkeit.“
Die Opfer dürfen in der Bevölkerung nicht mehr als „die
sind ja selbst schuld“ betitelt, als Abschaum gesehen werden. Sie sind Opfer.
Sie haben sich einfach nur in den FALSCHEN verliebt. Dafür werden sie nicht nur
von den Tätern, sondern auch von den Freiern und der Gesellschaft bestraft. „Wer
will mir schon helfen, ich bin doch nur eine billige Hure.“
Ganz wichtig finde ich den Ausgangspunkt von Frau
Kannemann, die das Problem als gesamtgesellschaftliches Problem ansieht und es
nicht auf die Opfer bezieht. Denn Loverboys lauern überall, vor Schulen, in
Fastfoodrestaurants, vor Jugendheimen, Sportvereinen, aber vor allem im
Internet. Da alle Kinder heute im Internet sind, können theoretisch auch alle
auf einen Loverboy reinfallen. Das Zauberwort ist somit Information bzw.
Aufklärung.
Einen zweiten, sehr wichtigen Aspekt des Problems spricht
Bianca Biwer des Vereins Weisser Ring e.V. an. Ihr Motto lautet: Stärke
bedeutet, sich Hilfe zu holen. Denn ohne die Hilfe der Gesellschaft und der
Familien haben diese Opfer keine Chance.
Bianca Biwer von Weißer Ring


Die Loverboymethode beschreibt Frau Biwer wie folgt: „Mit
dem Begriff Loverboy werden Täter bezeichnet, die gezielt nach minderjährigen
Mädchen suchen, um sie auszunutzen: Sie umgarnen sie, manipulieren sie, machen
sie gefügig – und zwingen sie dann zur Prostitution. Loverboys sind damit
Zuhälter, die minderjährige Mädchen auf den Strich schicken und hoffen, damit
großes Geld zu machen. Sie heucheln Zuneigung, sehen in ihren Opfern aber lediglich
Objekte, an denen sie gut verdienen können. Oft bahnt sich der Kontakt über das
Internet an. Dann überhäuft ein Loverboy schon während der ersten Treffen sein
Opfer mit Geld, Geschenken und scheinbarer Aufmerksamkeit. Darüber hinaus entfremdet
er mit Alkohol, Flirts und Drogen das Mädchen nach und nach immer mehr von
ihrer Umgebung, entzieht ihr jegliche soziale Kontakte und macht sie regelrecht
abhängig von ihm. Oft finanziert er parallel dazu auch den Drogenkonsum des
Mädchens und führt sein Opfer auch auf dieser Ebene in die Abhängigkeit.
Erpressung kann als Faktor bei einem Loverboy ebenfalls eine Rolle spielen –
etwa, wenn ein Täter ein Mädchen bei sexuellen Handlungen filmt und später
droht, das Material im Internet zu öffentlichen, falls seine Wünsche nicht
erfüllt werden.“ Um die Mädchen zu unterstützen, müssen die Missbrauchs- und Manipulierungskreisläufe
durchbrochen werden. Das Opfer muss sich psychisch und emotional von der
Abhängigkeit vom Loverboy befreien, an Selbstbewusstsein gewinnen und
Selbstbestimmung im eigenen Leben lernen. Noch wichtiger ist Prävention für
alle Mädchen, die potentielle Opfer sind. Frau Biwer teilte mir hierzu
Folgendes mit: „Ein Mädchen soll misstrauisch werden, wenn der neue Freund sie
anlügt oder ihr soziale Kontakte verbietet. Sie soll die Reißleine ziehen, wenn
der neue Freund sie gar schlägt, vor ihr Drogen nimmt oder sie selbst zum
Drogenkonsum animiert. Alles, was merkwürdig oder komisch ist und gegen den
eigenen Willen geschieht, sollte als Alarmsignal angesehen werden.“
Den Opfern fehlt normalerweise die Zuneigung und Zuwendung in der Familie.
Daher müssen die Eltern ganz wesentliche Unterstützung anbieten.
„Zuwendungsbedürfnisse seines Opfers zunutze macht. Der Täter sucht gezielt
unsichere, leicht beeinflussbare Mädchen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden,
beispielsweise unter einer zerstrittenen Familie zu leiden haben. Fühlt sich ein Mädchen in
der Familie nicht geborgen und ist daher anfällig für scheinbare Zuwendungen und Zärtlichkeiten,
spielt das dem Loverboy in die Hände. Eltern und Familienangehörige sollten immer in der Lage
sein, ihren Kindern die nötige Geborgenheit und Zuwendung geben zu können. Wer von den
Kindern als Vertrauensperson wahrgenommen wird, schafft gute Voraussetzungen dafür, dass
sie bei Problemen und Notlagen von sich aus das Gespräch suchen“, so Frau Biwer.
Ein schwieriger Schritt, um diesen Missbrauch zu durchbrechen, besteht in der
Kommunikation. Wenn ein Mädchen seine Angst und seinen Scham überwindet und sich
nicht als die „schuldige Schlampe“ empfindet, kann sie auch Hilfe bekommen.
Loverboys sind professionelle Betrüger und Menschenhändler. Ohne die
Hilfestellung von Seiten der Familie, des ursprünglichen Umfelds und der
professionellen Helfer schafft das Mädchen ihre Befreiung von diesen
Menschenhändlern nicht.
Das Phänomen ist weltweit verbreitet, und so auch in den
sexuell so freien Niederlanden. Hier habe ich mit Martine von Stop Loverboys,
einer Organisation für den Kampf gegen die Loverboys, die von Anita de Wit
gegründet wurde und den Opfern zur Seite steht. Auch Martine spricht vom
Loverboy-Phänomen als von einem allgemeinen Phänomen in unseren Gesellschaften,
dem jede junge Frau zum Opfer fallen könnte. Daher besteht die beste Strategie,
diesen Mädchen zu helfen, darin, dass man sie nicht schuldig spricht, sondern
sich empathisch mit ihnen und ihrem Problem auseinandersetzt, ohne sie direkt
darauf anzusprechen, da sie sich ansonsten herauslügen würden. Es ist
ausreichend, ihnen zu zeigen, dass wir einen Weg haben, um sie da rauszuholen. 
Martine
berichtet uns auch von einem zweiten, nicht weniger gefährlichen Phänomen, und
zwar dem vom Lovergirl, das selbst ein Opfer ist und von seinem Loverboy dazu
verführt wird, andere Opfer für ihn zu suchen.Eine
Hauptstrategie, um dem Phänomen erfolgreich entgegenzuwirken, ist die Erziehung
der jungen Mädchen zu selbstbewussten jungen Frauen, die auch in der Lage sind,
die verführerischen Methoden des Loverboys zu durchschauen. Zu diesem Zwecke
organisiert Stop Loverboys in Holland Schulbesuche. 
Junge
Mädchen sollen auch darüber aufgeklärt werden, wie man sich in den sozialen
Medien gegen Loverboys schützt, da sie nicht nur im realen, sondern auch im
virtuellen Leben überall lauern. Martine meint, es wäre ein Mythos, dass
Loverboys nicht im kleinen Dorf, sondern nur in Amsterdam lauerten. Denn „auch
kleine Gemeinden sind dieser Gefahr ausgesetzt, weil die Eltern wahrscheinlich
zu religiös sind, um mit den Mädchen über die Gefahren der Außenwelt zu
sprechen“. 
NO LOVERBOYS – STOPP LOVERBOYS –
Ein Problem, das uns alle betrifft!!