General

Ein Manifest gegen die Zwangsheirat vergewaltigter Frauen im Namen des Islam


by Musa Furber, Huffington Post, übersetzt von Milena Rampoldi, ProMosaik e.V.
Zum
Thema der Vergewaltigung der Frau in den muslimischen Gesellschaften und der
Zwangsheirat, die dann aus sogenannten folkloristischen Gründen der Ehre diesen
Opfern aufgedrängt wird, die vorher ihrer Freiheit beraubt und brutal
missbraucht wurden, finde ich diesen Artikel des amerikanischen Konvertiten
Musa Furber von 2013 anlässlich der Vergewaltigungen in Indien ein wahres
Manifest im Namen der Würde der Frau[1].
Es handelt sich hierbei zweifelsohne um ein Thema, das auch in die Studien über
die Sklaverei einfließen sollte. Anbei möchte ich die deutsche Übersetzung
dieses Artikels vorstellen, der das Thema unwidersprüchlich beim Namen nennt
und es von jeglichem Tabu befreit. Die Worte des Autors sind für mich
wegweisend, um sich auch für die Würde der Sklavinnen einzusetzen.

Marokkanische
Frauen demonstrieren gegen die Zwangsheirat von Vergewaltigungsopfern: der
tragische Fall von Amina al-Filali sorgte für Aussehen in Marokko und führte
wahrscheinlich auch zur Abschaffung des Gesetzes, das den Vergewaltigern durch
die Heirat mit ihren Opfern die Möglichkeit bietet, der Justiz zu entkommen. 

Die furchtbaren und herzzerreißenden Nachrichten aus Indien sind an sich
schon tragisch genug: zwei mutmaßliche Opfer einer Gruppenvergewaltigung sind
tot. Eine 23jährige Frau unterlag ihren Verletzungen und ein 17jähriges Mädchen
nahm sich das Leben, als man Druck ausübte, damit es einen seiner mutmaßlichen
Vergewaltiger heiratet.
Diese Geschichten sind an und für sich schon grausam genug. Aber
bedauerlicherweise gab es auch 2012 ähnliche Fälle.
Zu diesen Fällen gehört auch der der 16jährigen Marokkanerin, die sich das
Leben nahm, nachdem das Gericht angeordnet hatte, sie sollte ihren mutmaßlichen
Vergewaltiger heiraten. Ähnliche Fälle betrafen auch 14-15jährige Mädchen in
Jordanien. In diesen und anderen Fällen gingen die involvierten Gesellschaften
– und somit auch ihre Rechtssysteme – davon aus, dass die Begnadigung eines
Vergewaltigers, falls dieser sein Opfer heiratet, zu begrüßen sei. Marokko hat
den Artikel 475 des Strafgesetzbuches (dieser geht auf das französische Gesetz
zurück, das ausschließlich für Fälle einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs vor
der Ehe vorgesehen ist) und Jordanien den Artikel 308. Ähnliche Gesetze gibt es
auch in anderen Ländern, wo sich die Ehre einer Frau vollkommen unschlüssig auf
die ihrer Familie auswirkt und das Stigma der Vergewaltigung über der
Unantastbarkeit des Lebens und der Würde jener Frau steht.
Wenn ich von solchen
Fälle lese, bin ich immer wieder verblüfft, wie Muslime es unterstützen können,
dass ein Vergewaltiger begnadigt werden darf, indem er sein Opfer heiratet, und
häufig, indem dieses und seine Familie unter Druck gesetzt werden, um sich zu
fügen. Als Experte des islamischen Rechtes weiß ich, dass solche Fälle
ungeheuerliche Verletzungen dessen darstellen, was der Islam über die Rechte
von Opfern, die Definition von Gerechtigkeit und die Bedeutung der Ehe lehrt.
Die islamische Weltanschauung vertritt einen klaren
Standpunkt bezüglich der Rechte und Pflichten der Selbstverteidigung und der
Verteidigung anderer vor Angriffen auf die Person und Würde.
Dies gilt insbesondere für sexuelle Übergriffe, in denen
eine Frau dazu verpflichtet ist, den Angreifer abzuwehren und Umstehende
verpflichtet sind, ihr zu Hilfe zu eilen… Einige Gelehrte plädieren außerdem
dafür, dass sich die Selbstverteidigung der Frau sogar auf die Nachwirkungen
eines Angriffes, einschließlich der Widerherstellung ihres Sicherheitsgefühls,
der Behandlung des emotionalen Traumas und des Schwangerschaftsabbruchs nach
einer Vergewaltigung, ausweiten sollte. Verfechter dieser Position
argumentieren, dass sich dies mit den ehrenwerten Zielen des islamischen Rechtes
deckt, das den Schutz des Lebens und des seelischen Zustandes der Frau über den
Schutz der Abstammung, des Besitzes und der Ehre stellt. Das islamische Gesetz
der Scharia ist auch darin eindeutig, dass eine Ehe eine Verbindung darstellt,
die auf Zuneigung, gegenseitigem Respekt, Intimität, Vertrauen und Güte basiert
und einen Zufluchtsort vor unkontrollierter sexueller Begierde darstellt.
Ein
Vergewaltigungsopfer dazu zu zwingen, den (mutmaßlichen oder verurteilten)
Vergewaltiger zu heiraten, beraubt es jeglicher Möglichkeit der
Selbstverteidigung und setzt es weiteren Angriffen auf seine Person, seine
Seele und seine Würde aus. Auf diese Weise wird die Frau außerdem dazu
gezwungen, in einer Beziehung zu leben, die auf Hass, Verfremdung, Gewalt und
Missbrauch basiert, und der Täter wird für seine Gewalttaten quasi belohnt.
Das Verlangen
nach Gnade ist im Islam tief verwurzelt. Die Begnadigung von Vergewaltigern,
die sich dazu bereit erklären, ihre Opfer zu heiraten und ihre Opfer zwingen,
sich dem zu beugen, steht aber im Widerspruch zu dieser Gnade. 
Es wurde
bereits beobachtet, dass es zu Selbstmorden kommen kann, wenn Opfer dazu genötigt
werden, ihre Vergewaltiger zu heiraten. Opfer dazu zu zwingen, eine solche Ehe
einzugehen, stellt die Ehre der Familie über ihre eigenen Leben, ihre Seele und
ihre Würde – was genau die entgegengesetzte Reihenfolge der Scharia bedeutet. Wie
kann jemand die Umkehrung dieser Reihenfolge mit der islamischen Weltanschauung
in Einklang bringen, die sowohl die sich ausbreitende Korruption als auch die
unrecht-mäßige Beendigung eines einzelnen Lebens mit einem Mord an der gesamten
Menschheit und das Retten eines einzelnen Lebens mit der Rettung der gesamten
Menschheit gleichsetzt (Koran 5:32)[2]?
Einige
Gelehrte tun dies aus kulturellen Gründen. Denn es fällt in den Bereich der
Flexibilität des Islam gegenüber lokaler Kultur und örtlichen Bräuchen, da die
lokale Kultur (ob nun mutmaßlichen oder nachgewiesenen) Vergewaltigungsvergehen
eine derart große Schande auferlegt, dass dem Opfer besser damit gedient sei, eine
Ehe mit seinem (mutmaßlichen oder verurteilten) Vergewaltiger einzugehen.
Während es tatsächlich so ist, dass das islamische Gesetz eine bestimmte
Flexibilität bezüglich lokaler Kultur und Bräuche beinhaltet, bezieht es sich
nur auf solche, die dem heiligen Gesetz und seinen ehrenwerten Zielen nicht
widersprechen. Kurzum befürwortet das islamische Gesetz Praktiken, die mit ihm
übereinstimmen und lehnt Praktiken ab, die es bezwingen oder untergraben.
Andere
Gelehrte behaupten, dass diese Gesetze nur in Fällen angewendet werden sollten,
die sich auf einvernehmlichen Geschlechtsverkehr beziehen, wozu Paare sich zum
Beispiel entschließen, wenn sie hoffen, ihre Familien auf diese Weise dazu
zwingen zu können, ihrer Eheschließung zuzustimmen und der als Vergewaltigung
betrachtet wird, wenn er bekannt wird. Diesen Begriff zu verwenden, um die
Gesellschaft irgendwie vor der Schande zu schützen, zugeben zu müssen, dass
Frauen sich an einvernehmlichen vorehelichem Geschlechtsverkehr beteiligen,
stürzt Frauen, denen bereits Unrecht ge-schehen ist, in noch größeres Unrecht,
was manchmal dazu führt, dass sie vor lauter Angst und Verzweiflung Selbstmord
begehen.
Irgendetwas
läuft grundlegend falsch, wenn eine muslimische Gesellschaft die Schande einer
einzelnen Vergewaltigung als Ausgleich für die erleichterte Ausbreitung von
Korruption und die unrechtmäßige Beendigung eines Lebens ansieht.
Die erste
Generation der Muslime befolgte die Vorschriften des Koran, die Tötung
weiblicher Säuglinge abzuschaffen, mit Stolz, eine Tat, die häufig begangen
wurde, um Schande von der Familie fern zu halten. Dadurch haben die Muslime mit
Stolz zu einem steigenden Ansehen der Frauen beigetragen. Doch was für ein
Stolz ist es zu verbieten, die kleinen Töchter von jemandem im Sand zu
vergraben, nur damit sie erwachsen werden können und sich dann wünschen, dass
genau dies mit ihnen geschehen wäre? Diese traurigerweise zahlreichen
Geschichten von Frauen, die wieder und wieder verletzt wurden, können nur als
Abart des Islam beschrieben werden, und dies leider nur von Muslimen selbst“.

Dieser Artikel wurde vorab in Washington
Post
[nicht mehr aufrufbar] und dann auf The
Huffington Post
veröffentlicht. Eine arabische Version findet sich auf Midan Misr.



[2] Vgl. hierzu den gesamten Koranvers 5:32: „Aus diesem Grunde haben Wir den
Kindern Israels verordnet, dass wenn jemand einen Menschen tötet – es sei denn
für (Mord) an einem andern oder für Gewalttat im Land -, so soll es sein, als
hatte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben
erhält, so soll es sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.
Und Unsere Gesandten kamen zu ihnen mit deutlichen Zeichen; dennoch, selbst nach
diesem, begehen viele von ihnen Ausschreitungen im Land“.